ThomasBoecker_HS9_DerNetteHerrRoesler_02_swDer 21.09.2013 markierte nicht nur eine Zäsur im parteipolitischen Spektrum der Bundesrepublik, sondern auch das Ende des Politikers Philipp Rösler. Dieser hatte zwar schon angekündigt, mit 45 aus der aktiven Politik aussteigen zu wollen, aber das seine politische Karriere an diesem verhängnisvollen Abend um 18 Uhr endete, stand bestimmt so nicht auf seinem Lebensplan. Die Hoffnung starb, dass sich die abzeichnende schlechte Tendenz der Umfragen am Wahltag noch hätte umdrehen können. So vergoss Rösler ein paar Tränen und trat, getröstet durch seine Frau Wiebke hinter der Bühne des Berlin Congress Centers am Alexanderplatz, dann noch mal vor die Wartenden, dankte den engagierten Helfer im Wahlkampf und verschwand daraufhin von der politischen Bühne. Im Februar 2014 vermeldeten die Medien, er würde den Geschäftsführerposten des Weltwirtschaftsforum übernehmen.

Nett, das war das Attribut, was ihm die Kanzlerin und auch die Medien zuschrieben. Unlängst sagte der Schöpfer der vielfach gelobten und ausgezeichneten Serie House of Cards, Michael Dobbs, in einem Interview mit der Wirtschaftswoche den bezeichnenden Satz: „Politik ist kein nettes Geschäft und es ist kein Geschäft für nette Menschen.“ Wie so etwas in Persona aussehen kann wird durch den Charakter Frank Underwood überzeichnet in der erfolgreichen TV-Serie dargestellt oder wurde auch im realen Politikbetrieb durch Magaret Thatcher, die wohl nur Wenige mit dem Wort nett beschreiben würden und deren Berater Dobbs lange war, repräsentiert. Rösler scheint die Antithese zu Dobbs Politik(er) Verständnis zu sein. War also seine Politikkarriere von Beginn an zum Scheitern verurteilt, weil er einfach emotional zu weich war für die harte und rohe Politikrealität?

Wie Rösler wahrgenommen wurde, extern und intern, ließ sich schon an seiner Wahl 2011 zum Bundesvorsitzenden festmachen. Zwar war es beachtlich, dass der junge Rösler innerhalb von 11 Jahren den Gang durch die Partei bewältigte und dieser nun vorstand, aber diese Schnelligkeit einer Politikkarriere war nicht unüblich in der FDP und zudem wurde das letzte Kapitel oft abschätzig als „sanfter Putsch“ bezeichnet. Der große machtpolitische Knall war es nicht. Er gehörte mit Daniel Bahr und Christian Linder zur Boygroup, die zusammen mit anderen den damaligen Vorsitzenden Guido Westerwelle absägten und damit seine 10 Jährige Regentschaft beendeten. Zu dieser Zeit befand sich die FDP bereits in der Krise. Vom großen Koalitionspartner nicht ernstgenommen und von den enttäuschten Wähler in den Umfragen abgestraft, verstanden einige die Entscheidung, Rösler zum Parteivorsitzenden zu machen, als Sieg seiner Person. Viele andere hingegen sahen es als Beweis, dass er der Schwächste im Triumvirat war, dem die Rolle aufgezwungen werden konnte, da weder Bahr noch Lindner auf dem Schleudersitz der kriselnden Partei Platz nehmen wollten. Auf dem Wahlparteitag im Mai 2011 wurde Rösler gewählt. Seine Rede zeigt das, wo für er stand: er war charmant und witzig, er stand für ein neues Gesicht, einen neue Sound der FDP. Weg vom rein wirtschaftsliberalen Altherrenwitz zum liberalen Lebensgefühl. Daher passte es, dass Rösler lächelnd seine Familie, die im Publikum saß, begrüßte und sich ganz besonders darüber freute, dass auch Oma Klärchen da war, um zu sehen, was aus dem Enkel geworden war. Röslers großes Ziel war die Freiheit, das Schlagwort der Liberalen, stärken am Leben von „ganz normalen Menschen“ zu erklären, eben Freiheit gedacht, gelebt und gefühlt. Durchsetzen konnte er davon nur wenig.

Der Schwung aus dem Parteitag verpuffte schnell an der politischen und parteiinternen Realität. Die CDU/CSU regierte weiter ohne das Lieferversprechen der Liberalen zu berücksichtigen und innerhalb der FDP begann man sich zu fragen, ob man nicht wieder die „deutsche Eiche“ dem „Bambus“ vorziehen sollte. Extern wurde Rösler als wenig machtstrebend und als ein Politiker charakterisiert, dem das nötige Durchsetzungsvermögen fehlte. Zwar waren die Beliebtheitswerte eines FDP-Vorsitzenden nie gut, der Liberalismus und seine Vertreter standen immer für eine teilweise überzogene Verkopftheit, die Gefühle außen vor ließen und konnten daher nicht mit kuscheliger Sozialromantik punkten, aber 2013 lag Röslers Wert sogar unter dem von Guido Westerwelle. Rösler vergrämte und verhärtete zusehends bei seinen öffentlichen Auftritten. Nicht anders lässt sich die indirekte Rücktrittsandrohung bei Beckmann, der unsensible Umgang mit dem Armutsbericht der Bundesregierung und letztendlich die Wortwahl der „Anschlussverwendung“ im Bezug auf die Schlecker-Frauen erklären. Der „Mitfühlende Liberalismus“, für den Rösler eigentlich stand, sah anders aus. Er wirkte Emotionskalt, etwas das eigentlich gar nicht zu Philipp Rösler passte. Hier und da trat der alte Rösler nochmal zum Vorschein. Als er Bild-Chef Kai Diekmann umarmte, wirkte es auf dem Bild herzlich und ehrlich. Die Medien machte daraus eine angeblich unverschämte Kungelei. Seine Nettigkeit flog Rösler wiedermal um die Ohren.

Parteiintern erlitt er mit seinem Umgang rund um den Mitgliederentscheid zur Euro-Frage endgültigen Schiffbruch. Rösler schaffte es nicht, die eigentlich bemerkenswerte und mutige Entscheidung der FDP zu einem solchen parteidemokratischen Mittel zu greifen auch als solche zu verkaufen, sondern lies zu, dass das Ganze nur wie ein großer parteiinterner Streit wirkte. Weder hörte man ein Machtwort von Rösler noch setzte er sich als Mediator ein. Wie so oft war er zu passiv und ließ den Dingen ihren Lauf. Kurz vor Ende des Entscheides ließ er sich dann auch noch dazu hinreißen, die Ergebnisse vorwegzunehmen und wirkte so auch noch undemokratisch. Zwar siegte der Bundesvorstand über die Euro-Rebellen, obwohl das Quorum nicht erreicht wurde, doch für Rösler war es im Bezug auf sein politisches Standing eine weitere Niederlage.

Die Nächste folgte bereits mit der Wahl des Spitzenkandidaten zur Bundestagswahl 2013. Der Bundeswirtschaftsminister und Parteivorsitzende Rösler ließ netterweise Rainer Brüderle den Vortritt. Zu höflich, oder vielleicht auch schon zu schwach, um seinen eigenen Machtanspruch zu untermauern. Der neue Sound der FDP war vollständig auf Mute gedreht. Man glaubte, die alten Schlachtrösser könnten den Karren noch aus dem Dreck ziehen. Die beiden Lager arbeiteten während des Wahlkampfes nicht wirklich zusammen und sorgten wohl so für einen weiteren Sargnagel in der bundespolitischen Existenz der Liberalen. Es zeigte sich wieder mal die alte Bruchlinie innerhalb der FDP. Wirtschaftsliberal auf der einen und sozialliberal auf der anderen. In anderen europäischen Ländern führte diese oft zum Entstehen von zwei liberalen Parteien. Die FDP hingegen wurde gezeichnet durch eine wechselnde Dominanz der beiden Strömungen, bestimmt durch den Parteivorsitzenden und den jeweiligen Koalitionspartner. Rösler war letztendlich zu nett um den Kurs des „dampfenden und segelnden Schiffes“ FDP vorzugeben.

Mit Rösler ging eine vertane Chance für die Liberalen. Intellektuell der Aufgabe zwar gewachsen und ausgestattet mit guten Ideen, war er letztendlich charakterlich doch nicht hart genug, sich durchzusetzen. Das Attribut des Nettseins, welches eigentlich kein schlechtes ist, versuchte er ab einem gewissen Punkt krampfhaft abzustreifen, was völlig misslang. Es wurde ihm zum Verhängnis. Dobbs scheint recht zu behalten und Frank Underwood pflichtet ihm bei: „For those of us climbing to the top of the food chain, there can be no mercy. There is but one rule: hunt or be hunted.” Nett ist anders. Nett ist der potentielle Schwiegersohn, nett ist derjenige, der freiwillig ins Tor geht. Auf der politischen Bühne ist dafür offensichtlich kein Platz.