von Stephanie Streich und Christian Klaeßen

Medien erfüllen in demokratischen Systemen grundlegende Funktionen: Sie sollen das Volk informieren, mittels Diskussion und Kritik zur Meinungsbildung der Bevölkerung beitragen und Partizipationsmöglichkeiten schaffen.

Was passiert aber, wenn Journalismus an seine Grenzen stößt? Wenn aus objektiver Berichterstattung blanke Sensationsgier und Effekthascherei wird? Der Absturz der Germanwings-Maschine 4U9525 am 24. März 2015 bietet Anlass für eine kritische Auseinandersetzung um die Beschaffenheit des modernen Journalismus. 430 Beschwerden, so viele wie nie zuvor, gingen im Zusammenhang mit der Berichterstattung nach dem Unglück beim Deutschen Presserat ein. Wie groß ist der Schritt vom Katastrophen- zum katastrophalen Journalismus? Und welche Rolle spielt dabei die Öffentlichkeit?

Stephanie Streich Das Haus des Co-Piloten wurde im Fernsehen gezeigt, sein vollständiger Name in verschiedenen Medienberichterstattungen verwendet und auf sämtlichen sozialen Netzwerken verbreitet. Hinzukommen die mehr als voreiligen Spekulationen, die sich rückwirkend betrachtet einer objektiven Einsicht sowohl bezüglich der Person selbst als auch der Umstände der Tat nahezu vollständig entzogen haben – ganz zu schweigen von fragwürdigen Formulierungen der „Berichterstattung“. Besonders die Frage, ob man das unverpixelte Foto des Co-Piloten zeigen und seinen vollen Namen nennen darf, ist selbst unter Juristen nicht unumstritten, allerdings werden die Informationsrechte der Öffentlichkeit im Zweifel in der Gewichtung höher eingestuft. Anmerken lässt sich dabei nur, ob man das, was juristisch gestattet ist, auch ethisch oder als gerechtfertigt erachten kann. Letzteres auszublenden sollte angesichts des Ausmaßes journalistischer Sonderwege rund um den Germanwingsabsturz mehr als nur kritisch gesehen werden: Welchen wirklichen Informationswert hat neben den Nahaufnahmen von weinenden Schülern, verzweifelten Eltern und dem Haus der Familie des Co-Piloten die Nennung der vollständigenNamen weiterer Beteiligter? An dieser Stelle hat eine Grenzüberschreitung stattgefunden, da selbst Angehörige zu Opfern der medialen Aufmerksamkeit werden, anstatt ihre Schutzwürdigkeit und Selbstbestimmung zu gewährleisten.

Christian Klaeßen Dass im Zuge der Berichterstattung über 4U9525 Dinge geschehen sind, die außerhalb jeglicher Rechtfertigungsversuche oder gar Entschuldbarkeit liegen, steht außer Frage. Eine Pauschalverurteilung der Medien ist jedoch mehr als unangebracht. Die Frage muss immer lauten, was im Detail an der Berichterstattung kritisiert werden kann. Das Bedrängen von Angehörigen in der tiefsten Phase der Trauer oder der Versuch, Berichte von Zeugen zu kaufen, worüber immer wieder berichtet wurde, bringt einen ganzen Berufsstand in Verruf. Selbstverständlich. Und natürlich hätte auch auf die Veröffentlichung von Fotos und Klarnamen des Co-Piloten verzichtet werden können. Bekommen hätte man diese Informationen aber in jedem Fall, ob die deutsche Presse sich beteiligt hätte oder nicht. Ein solches Ereignis bewegt Menschen auf der ganzen Welt, folglich wird auch nahezu überall darüber berichtet. In der britischen und amerikanischen Presselandschaft ist die Veröffentlichung von Details um die Identität vermeintlicher Täter gang und gäbe. Wird hier mit falscher Zurückhaltung agiert, verliert man lediglich im internationalen Nachrichtenwettbewerb an Boden und informiert seine Leser- bzw. Zuhörerschaft einfach schlechter. Dies kann nicht im Interesse einer um Aufklärung bemühten Gesellschaft liegen. Eine weitere Tatsache, die häufig kritisiert wurde, ist die Dauerpräsenz der Berichterstattung um das Unglück. Doch wie lässt sich diese Präsenz begründen? Einige Beispiele: Wenige Tage nach dem Unglück reisten führende Politiker aus mehreren europäischen Staaten an die Absturzstelle, unter anderen die Deutsche Bundeskanzlerin. Nach den Anschlägen auf die Redaktion des Charlie Hebdo in Paris im Januar diesen Jahres beteiligten sich die Staats- und Regierungschefs aus fast 50 Nationen an einem Trauermarsch durch die Stadt. Immer, wenn es Ereignisse gibt, die die Menschen auf zutiefst emotionale Art und Weise berühren, ist die Politik nicht weit. Da ist es doch selbstverständlich, dass die Medien auch und gerade dann verstärkt darüber berichten. Wer das nicht möchte, muss die Politik dazu anhalten, sich in Zurückhaltung zu üben, und kann nicht die Journalistinnen und Journalisten dafür verantwortlich machen.

Stephanie Streich Sensationsmeldungen und -reportagen um Großereignisse rechtfertigen allerdings keine identifizierende Berichterstattung. Ein verstärktes Informieren und Berichten aus einem gegebenen Anlass heraus (unabhängig davon, ob es sich um ein trauriges oder feierliches Ereignis handelt), an welchem führende Staats- und Regierungschefs (An-)teil nehmen, liegt in der Natur der Sache journalistischer Arbeit begründet. Warum sollte man die Politik zur Zurückhaltung raten, wenn nach wie vor die Medienarbeit im Zentrum der geführten Debatte steht? Nicht die mediale Inszenierung von politischen Akteuren macht die Debatte um kritische journalistische Recherchemethoden, Berichterstattungen und Kommentierungen aus, sondern die Journalisten selbst. Die (Selbst-)Darstellung von Politikern in solchen Zusammenhängen muss da an anderer Stelle diskutiert werden.

Christian Klaeßen Allen Für und Widern zum Trotz muss aber nicht zuletzt auch die schwierige Situation bedacht werden, in der Journalisten heutzutage ihre Arbeit verrichten. In Zeiten der digitalen Echtzeitkommunikation wird erwartet, dass neue Informationen sofort übermittelt werden, besser gestern als heute. Gleichzeitig wird und muss man erwarten, dass die Medienakteure ihr Handeln auf die möglichen Folgen ihrer Veröffentlichungen hin ausrichten. Was dabei nicht außer Acht gelassen werden darf, sind die so genannten ad-hoc-Öffentlichkeiten, wie sie durch das Hashtag-System über Twitter und Co. erzeugt werden. Durch sie entstehen immer neue Strudel an Spekulationen, Halbwahrheiten und Nachrichten, von denen selbst erfahrene Publizisten oft nur mitgerissen werden. Das Interesse an skandalöser Berichterstattung ist vorhanden, die Dynamik entsteht mitunter auch ohne journalistisches Zutun.

Stephanie Streich Die Berichterstattung über 4U9525 oder ähnlich gelagerte Fälle, wie z.B. der Amoklauf im US-Bundesstaat Connecticut in der Kleinstadt Newtown 2012 mit 26 Toten, einen die zunehmende Dominanz eines Speed over Accuracy, d.h. dass im Wettlauf mit der Konkurrenz die Medienakteure zunächst auf Geschwindigkeit, statt auf Richtigkeit der Inhalte setzen. Durch eben diese Schnelligkeit schleichen sich jedoch häufig folgenschwere Fehler ein und die Konsequenzen tragen dabei nur selten die Journalisten selbst – vielmehr geraten dabei abermals die Opfer und Beteiligten in den Sog medialer Aufmerksamkeit, aber auch Unbeteiligte sind im Zuge „journalistischer Ermittlungen“ nicht außen vor. Ganz nach dem Motto: „Lieber raushauen, was man an vermeidlichen Informationen zur Verfügung hat und sich im Nachhinein um Inhalte bemühen.“ Auch wenn Fehlermeldungen ex post korrigiert werden, kommt es bei der Publikation zu nichtintendierten Folgen, die sich mittels eines double-checkings vermeiden ließen. Dabei handelt es sich dann nicht um eine utopische Anforderung an den Journalismus, sondern um die Notwendigkeit einer Debatte bezüglich der Frage, wie sich die mediale Berichterstattung unter dem Eindruck entscheidender Ereignisse verändert ohne, dass dabei die journalistische Arbeit bei Einhaltung ethische Regelungen und Methoden einem Wettlauf um den Scoop unterliegt. Zu wissen, wann über einen Sachverhalt, ein Thema oder einen Skandal berichtet oder besser geschwiegen werden sollte, ist oft eine schmale Gratwanderung zwischen der Ethik des Journalismus, der Qualität der Berichterstattung und dem Wettbewerb in der internationalen Medienlandschaft. Wenn dieser an einigen Stellen bewusst überspitzte Kommentar eines aufgezeigt hat, dann ist es hoffentlich die Chance, die in der Notwendigkeit einer Debatte liegt. Einer Debatte darüber, nach welchen Kriterien Journalismus in einem sich stetig beschleunigenden Bild von Öffentlichkeit arbeiten und nach welchen Maßstäben er bemessen werden kann und sollte.