Frühjahr 2015. Die EU-Regierungschefs hadern mit dem griechischen Ministerpräsidenten Alexis Tsipras um eine Lösung im griechischen Schuldendilemma. Das polnische Fernsehen berichtet: nicht. 800 Flüchtlinge ertrinken im Mittelmeer auf der Flucht aus ihrer lybischen Heimat. Das polnische Fernsehen berichtet:begrenzt. Im Mai stehen die Wahlen des polnischen Präsidenten an. Das polnische Fernsehen berichtet: pausenlos.

Bereits diese knappe Auflistung macht deutlich, wie es um die Qualität des europäischen Gemeinschaftsgefühls in den polnischen Medien steht, nämlich: äußerst dürftig. Dass die ideale Vorstellung einer europäischen Öffentlichkeit, also einer Verschmelzung der europäischen Bürger und Medien zu einer Einheit, die über nationalstaatliche Grenzen hinweg gemeinsam debattiert, sich austauscht
und informiert, noch weit entfernte Zukunftsmusik ist, darüber sind sich wohl die meisten Wissenschaftler mittlerweile einig. Dass aber selbst von einer Europäisierung nationaler Medien, also einer sich kontinuierlich verstärkenden Berichterstattung über europäische und  europapolitische Themen, in Polen recht wenig zu spüren ist, verwundert doch sehr. Es ist deshalb verwunderlich, weil die Polen diejenigen sind, die der Europäischen Union im Vergleich zu Bürgern anderer EU-Mitgliedsstaaten am positivsten gegenüberstehen. Laut Eurobarometer  der EU aus dem Jahr 2014 gaben 61% der befragten Polen an, sie hätten ein positives Bild von der EU, dicht gefolgt von Rumänien mit 59% und Irland mit 53%. Im Vergleich dazu gaben nur 38% der Deutschen an, dass ihr Eindruck von der EU positiv sei. Auch das polnische Meinungsforschungsinstitut CBOS kam in seinen Umfragen zu ähnlichen Ergebnissen. So gaben 90% der Polen im Jahr 2014 an, Anhänger der Zugehörigkeit Polens zur EU zu sein und 76% glaubten, der Beitritt Polens hatte einen günstigen Effekt auf die polnische Wirtschaft, Tendenz  steigend.

An einem Desinteresse der polnischen Bevölkerung an Europa und der EU dürfte es deshalb wohl nicht unbedingt liegen, dass die Medien diesen Themenbereich in ihrer Berichterstattung größtenteils ausklammern. Über einschneidende europapolitische Ereignisse wird  berichtet, muss berichtet werden, klar. Den weitaus größeren Anteil nehmen jedoch nationale Themen und Ereignisse ein – und wenn doch über Europa oder die Welt berichtet wird, dann vor allem aus einer gesellschaftlich-boulevardistischen Perspektive. Trauen die polnischen  Fernsehmacher ihren Zuschauern etwa nicht zu, Brüssel zu verstehen, und verzichten für die Quote deshalb auf EU-Politik in ihrem Nachrichtenprogramm?

Das wäre ein möglicher Erklärungsversuch. Ein anderer könnte so lauten: Die nationale Selbstbezogenheit der  polnischen Medien ist Ausdruck einer immer noch andauernden nationalen Identitätssuche und keine absichtliche Abkehr von der EU, Europa  und europapolitischen Themen. Der Zweite Weltkrieg und der Holocaust, der Sozialismus und die Solidarno-Bewegung, der Tod des polnischen Präsidenten Lech Kaczyski beim Flugzeugabsturz von Smolensk im Jahr 2010 – all diese geschichtsträchtigen Ereignisse sind immer noch so  präsent imgesellschaftlichen und politischen Selbstverständnis der Polen, dass sie sich scheinbar in einem medialen Narzissmus der polnischen Fernsehnachrichten  widerspiegeln. Zugleich fühlt sich jedoch vor allem die junge Generation der Polen einem europäischen Wir-Gefühl und einer europäischen Identität wohl deutlich näher als so mancher mit EU-Nachrichten überschütteter Deutscher. Auf die Frage, was sie von einem einheitlichen  europäischen Schlüssel zur gerechteren Verteilung der Flüchtlinge auf alle EU-Mitgliedstaaten halten, äußerten beispielsweise viele Warschauer im direkten Gespräch, dass sie diese Maßnahme durchaus begrüßen würden, die EU habe den Polen schließlich auch bei ihrem wirtschaftlichen Aufbau geholfen. Europäisierung der nationalen Öffentlichkeit in Polen – medial zwar bisher verfehlt, aber gesellschaftlich doch irgendwie verankert?

Dass der Euroskeptizismus in der polnischen Bevölkerung bisher eher ein Schattendasein führt hängt wohl vor allem mit dem Aufblühen der polnischen Wirtschaft nach dem Beitritt Polens zur EU vor mittlerweile elf Jahren zusammen. Womöglich aber auch mit der spärlichen Berichterstattung über europapolitische Themen, denn worüber nicht informiert und berichtet wird, das kann man auch nicht wirklich  kritisieren. Sollte diese nationale Selbstbezogenheit der Medien weiterhin fortbestehen, dann könnte dies die pro-europäische und europäisierte  Einstellung der Polen auf lange Sicht jedoch massiv gefährden. Bei den Präsidentschaftswahlen im Mai 2015 konnte sich bereits der tendenziell  rechtskonservative Andrzej Duda der Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) überraschend gegen den liberalen Amtsinhaber Bronislaw  Komorowski durchsetzen. Droht die Stimmung in der polnischen Bevölkerung zu kippen? Schwer zu sagen, die Parlamentswahlen im Herbst  2015 könnten, so viel stand im Vornherein fest, zur Richtungswahl für oder gegen mehr Europa in Polen werden. Und die Richtung wurde sehr  deutlich: mit 37,6 % der Stimmen konnte die nationalkonservative Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) bei der Parlamentswahl die absolute  Mehrheit für sich verbuchen und löst damit die seit acht Jahren regierende liberalkonservative Bürgerplattform (PO) ab. Die Europäisierung der polnischen Öffentlichkeit ist ein Paradoxon und seine Aufklärung erschöpft sich wohl kaum in den zwei vorgestellten Hypothesen. Dessen  ungeachtet müssen die polnischen Medien jedoch endlich ihrer europäischen Informationspflicht nachkommen und den nationalen Narzissmus in ihrer Berichterstattung beenden. Nur so kann die polnische Bevölkerung auch außerhalb der Wirtschaftswunderbrille die EU erleben und den Aussagen ihrer konservativen Politiker kritisch gegenübertreten. Medien machen Europäisierung – oder, wie in Polen, eben auch nicht.