Schon Frank Zappa wusste: „Music is always a commentary on society“, die Kunst Teil des Lebens und damit auch der Politik. Musik als Spiegel gesellschaftlicher Bewegung und Veränderung, als Ausdruck von Freude, Trauer oder auch strikter Antihaltung zum bestehenden System sind keine neuen Phänomene, sondern existieren seit dem Anbeginn der Musikgeschichte.

So waren der gemeinsame Gesang und die eigene Stimme der als Sklaven nach Amerika deportierten Menschen nicht nur ein Ausdruck ihrer unterdrückten Identität, sondern auch ein Mittel zur Bewahrung der eigenen Kultur; der von Eugène Pottier im Jahr 1871 verfasste Text der „L‘Internationale“ entwickelte sich weltweit zum Kampf- und Protestlied der sozialistischen Arbeiterbewegung und gleichzeitig zu einer Hymne des Sozialismus und Kommunismus; Joan Baez und Bob Dylan wurden mit ihren Werken zu Ikonen der US-amerikanischen Friedens- und Bürgerrechtsbewegung und Rage against the Machine lieferten mit ihrer Musik den brachialen Soundtrack der Jugend gegen ein als ungerecht und rassistisch empfundenes System. Auch heute fi nden sich weiterhin politische Aussagen in Liedern, allerdings prägen Musiker ebenso auf andere Art und Weise das Geschehen der Politik. So unterstützen etwa ausgewählte Lieder Politiker bei ihren Wahlkämpfen und Siegesfeiern, mal mehr, mal weniger freiwillig bereitgestellt. Im Bundestagswahlkampf 2005 tönte bei Veranstaltungen der CDU-Spitzenkandidatin Angela Merkel oft das Lied „Angie“ der Rolling Stones durch die Hallen, vermutlich mit dem Ziel, den potenziellen Wähler multisensual zu erreichen. Schließlich verbreitet Musik Emotionen – ob dabei jedoch ein Song voller Wehmut und Abschied die richtige Wahl war, sei dahingestellt. Zudem untersagten die Rolling Stones die Nutzung ihres Liedes, auch wenn die CDU beteuerte, dafür doch GEMA-Gebühren gezahlt zu haben. Ähnliches signalisierte die deutsche Band Die Toten Hosen, welche sich gegen die Nutzung ihrer Musik, sowohl durch die SPD als auch die CDU, im Wahlkampf aussprachen.

Das Engagement bestimmter Musiker für Parteien oder Spitzenkandidaten fällt in Deutschland insgesamt eher mau aus, im Gegensatz zu den Vereinigten Staaten von Amerika. Dort, in einem jeher stärker polarisierten politischen System, neigen Prominente jedweder Art dazu, ihre Unterstützung beispielsweise im Präsidentschaftswahlkampf öffentlich kundzutun. Die Liste der Unterstützer aus allen Bereichen ist lang, auf Seiten der Demokraten sind in der Regel deutlich mehr Künstler zu fi nden als bei den Republikanern.

Auch die global bekanntesten Künstler sind eher jene, welche in den letzten Jahren für Barack Obama trommelten, als für John McCain oder Mitt Romney. Zu dessen Komplizen zählten Lynyrd Skynyrd, Meat Loaf und Kid Rock, danach dünnt die Liste der bekannten Namen jedoch immer mehr aus. Im Kontrast dazu gesellte sich zu Obama gerne Bruce Springsteen auf die Bühne, und der Katalog derjenigen mit ähnlichem Popularitätswerten ist lang.

Insbesondere an Obamas Wahlkampf lässt sich der Einfluss von Musikern verdeutlichen. Der Rapper Jay Z, der auf Bühnen gerne mal “If you’re having world problems, I feel bad for you son, I got 99 problems but a Mitt ain’t one” zum Besten gab, hat im Jahr 2015 weiterhin eine enorme Reichweite in den Sozialen Medien zu verzeichnen. 20,8 Millionen Menschen folgen ihm auf Facebook, 3,2 Millionen bei Twitter und 875 000 auf Instagram, außerdem haben 796 000 Menschen seinen Youtube- Kanal abonniert. All diese Personen erreicht nicht nur seine Musik, sondern auch seine persönlichen Statements und Nachrichten. Der Musiker veröffentlichte während des Wahlkampfes mehrere eindrucksvolle Videos, welche insbesondere junge afroamerikanische Menschen als Wähler erreichen sollten, und sprach sich immer wieder öffentlich für Obama aus.

Worte und Musik können eine enorme Macht entfalten, wenn sie richtig angewandt werden und Jay Zs Ausspruch “Rosa Parks sat so Martin Luther King could walk. Martin Luther King walked so Obama could run. Obama’s running so we all can fly”, gehört sicher dazu. Obama wird in eine Reihe mit Menschen gestellt, die Bedeutendes für die Rechte der afroamerikanischen Bevölkerung leisteten, ein Image, welches zweifellos förderlich wirkt.

Hierbei stellt sich jedoch gleich die nächste Frage: was gewinnt ein Künstler, was ein Politiker, wenn der eine öffentlich für den anderen eintritt? Sicherlich können monetäre Vorteile eine Rolle spielen: ein Anstieg der Albenverkäufe direkt nach einem politischen Tweet oder einem Auftritt für einen Kandidaten sind keine Seltenheit. Aber den meisten wird es wohl tatsächlich um die berühmte „Sache“ gehen, ein Eintreten für das, was als richtig empfunden wird. Und dieser ideelle Hintergrund unterscheidet Künstler auch von anderen Unterstützern wie Unternehmern, welche diejenigen Kandidaten und Parteien unterstützen, die den größten Vorteil für die eigene Firma garantieren. Das Kapital der Musiker ist dabei ihre große Reichweite, ihre Popularität und auch in den meisten Fällen ihre Glaubwürdigkeit. Der unterstützte Politiker gewinnt, indem sein Image mit dem des Künstlers verknüpft wird – schließlich muss derjenige, der von jungen, hippen Leuten unterstützt wird, ja irgendwie auch jung und hip sein.

Und der Wähler? Sollte dieser nicht eigentlich danach gehen, wer seine Interessen am besten vertritt, anstatt denjenigen zu wählen, der durch ihren Lieblingskünstler unterstützt wird? Studien zeigen, dass der Einfluss auf die Wahlentscheidung selber eher marginal ist, niemand wird vom Demokraten zum Republikaner, nur weil er Kid Rock schon immer gut fand. Ein positiver Nebeneffekt ist jedoch, dass das Wählen selber ein besseres Image bekommt. Die Zahl der Nichtwähler lässt sich so reduzieren, eine größere Teilhabe am politischen System erzeugen.

In Deutschland sieht es bisher noch schwach aus mit der öffentlichen Unterstützung für Politiker. Zwar positionierte sich der Rapper Afrob für die CDU und Roland Kaiser als SPD-Mitglied rührt auch für diese öfter die Werbetrommel, eine besonders große Aufmerksamkeit wurde bisher damit jedoch nicht generiert. Dabei wäre genau das wünschenswert, heißt es doch: „Nur böse Menschen haben keine Lieder!“.